Phorcus hat geschrieben: ↑Mi Aug 05, 2026 09:42
Wer im Herrenbereich ein gutes Budget zur Verfügung hat, besitzt sehr gute Chancen, den German Bowl zu erreichen. Im Jugendbereich funktioniert das so eher nicht. Nur weil ich viel Geld in Trainer, Equipment und Infrastruktur investiere, stehe ich noch lange nicht im Junior Bowl. Dafür müssen verschiedene Faktoren zusammenkommen.
Die Schwäbisch Hall Unicorns sind im Herrenbereich nicht nur wegen ihrer hervorragenden Jugendarbeit so erfolgreich, sondern auch, weil sie über ein vergleichsweise hohes Budget verfügen. Dort gelingt die Kombination aus exzellenter Jugendarbeit und einer soliden finanziellen Basis.
Warum sind die Düsseldorf Panther im Jugendbereich seit so vielen Jahren erfolgreich? Ein wesentlicher Grund ist, dass sie seit Jahren hervorragende Arbeit leisten und dadurch wie ein Magnet auf talentierte Nachwuchsspieler aus der Region wirken. Hinzu kommt ein Vorteil, den außerhalb von Nordrhein-Westfalen kaum eine andere Organisation bieten kann: Düsseldorf liegt im Bundesland mit der höchsten Einwohnerzahl und damit auch mit der größten Anzahl aktiver Jugendspieler. Diesen Standortvorteil kann kaum ein anderer Verein kopieren. Lediglich die Cologne Crocodiles konnten diese Dominanz für einen kurzen Zeitraum einmal durchbrechen.
Im Herrenbereich profitiert Düsseldorf dagegen nur begrenzt von seiner ausgezeichneten Jugendarbeit, weil die Jugendabteilung dort fast wie ein eigenständiger Verein innerhalb des Gesamtvereins wirkt. Hinzu kommt ein im Vergleich zu Schwäbisch Hall deutlich kleineres Budget. Deshalb ist eine starke Jugendarbeit allein eben auch nicht der einzig wahre Weg.
Ein weiteres, relativ neues Phänomen ist, dass inzwischen viele gut ausgebildete Jugendspieler gar nicht mehr im Erwachsenen-Tackle-Football ankommen. Immer mehr Spieler wechseln in die USA und kehren teilweise gar nicht mehr zurück. Hinzu kommt, dass nicht wenige Spieler nach ihrem letzten Jugendjahr aufgrund einer Ausbildung oder eines Studiums ihre Footballkarriere beenden. Dadurch sind viele Vereine darauf angewiesen, ihre Kader mit Importspielern aus Europa oder den USA zu ergänzen.
Hier fehlen als Ursache die Rosinenpickerligen EFL, EFA und AFLE, die nicht ausbilden, Jugendarbeit nicht fördern, aber mit die besten lokal ausgebildeten Spieler (die es nicht längerfristig in die USA zieht) aus dem Spielerpool von GFL (und GFL2) abziehen. Wir haben bis heute eine deutlich höhere Leistungsdiskrepanz in der GFL als vor 2021 (was man nun über die Reduzierung der Teams in der Liga zu kaschieren bzw. zu verringern versucht).
Natürlich könnte man jetzt sagen, man schafft A-Spieler und Spieler mit Dual Passport ab. Das Problem würde dadurch jedoch lediglich auf den europäischen Markt verlagert. Die Vereine mit den größeren Budgets würden sich dann einfach die besten verfügbaren europäischen Spieler sichern. An den Kräfteverhältnissen würde sich letztlich kaum etwas ändern.
A-Spieler abschaffen ließe das ganze System erstmal kollabieren, weil in Europa keine QBs ernsthaft ausgebildet werden. Der Niveauabfall von Spielniveau und in der Qualität der QB Position innerhalb einer Liga wäre zumindest kurz- und mittelfristig drastisch.
Dual Passport abschaffen wäre sehr sinnvoll, da es Teams mit größeren Budgets erlaubt verhältnismäßig billig einen spürbaren Qualitätsvorteil einzukaufen. Da fehlt es aber an Solidarität innerhalb der GFL bzw. im Verband. Das wäre aber der kurzfristig sinnvollste erste Schritt.
E-Imports bieten deutlich weniger Qualitätsvorteil und sind trotzdem recht teuer. Und der Verband könnte sie recht einfach noch etwas teurer machen. Der Qualitätsvorteil ist zudem mit dem Abzug von Spielern durch die Rosinenepickerligen spürbar gestiegen. Zuvor war dieses "Problem" deutlich geringer.
Theoretisch ließe sich das Ganze nur mit einem Salary Cap einigermaßen regulieren.
Sehe ich anders. Schon die Abschaffung der Dual Passports würde spürbar helfen. Ein endgültiges Scheitern der Rosinenpickerligen auch (alternativ könnten die echte Jugendarbeit machen - das wird aber nicht passieren).
Das Salary Cap ist die US-Lösung, die aber rechtssicher nur durch spezielle Ausnahmeregelungen durch den Staat funktionieren kann. ("Wir erlauben euch ein de facto Monopol, wenn ihr es so und so ausgestaltet [und die Spielervereinigung den Details zustimmt].") Auf Vereinsebene wird es so etwas in Europa nicht geben.
Bestenfalls Einzelmaßnahmen, die in eine ähnliche Richtung gehen, wären denkbar. (Im Kern Abgaben, für eine Umverteilung sorgen und reichere Vereine mehr treffen als andere. Die de facto Budgetunterschiede müssten eben runter. Trotzdem wird man mit spürbaren Unterschieden in Sachen finanzieller Ausstattung realistisch gesehen immer leben müssen. Es wäre aber schon viel gewonnen, wenn es teurer werden würde, Qualität einfach zuzukaufen.)
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre in verschiedenen europäischen Ligen haben allerdings gezeigt, dass ein Salary Cap in der Praxis nur schwer durchzusetzen ist. Irgendwie gab es immer Möglichkeiten, Spielern zusätzliche Leistungen oder Zuwendungen zukommen zu lassen, die über die eigentlichen Ligaregeln hinausgingen.
Absolut korrekt. Diesen Sumpf werden ein paar freiwillige Helfer aus der Nachbarschaft (Verband, Liga) nie trockenlegen können.
Ein guter Mittelweg ist aus meiner Sicht eine Kombination aus einem soliden Budget und einer nachhaltigen Jugendarbeit, so wie sie derzeit beispielsweise Dresden oder Schwäbisch Hall praktizieren. Beides erreicht man allerdings nicht von heute auf morgen. Dafür braucht es eine langfristige Planung, ausreichend personelle Ressourcen und vor allem Menschen, die diese Konzepte auch konsequent umsetzen.
Ich persönlich sehe in Hall und Dresden weder echte Leuchtturmprojekte, noch solche an denen sich andere so einfach orientieren können. Aber das wäre jetzt eine andere Diskussion.